Seit 2001 trägt die ruandische NGO „African Initiative for Mankind Progress Organization“ (AIMPO) durch die Förderung der individuellen und kollektiven Rechte der als Historically Marginalized Population (HMP, übersetzt: historisch marginalisierte Bevölkerung) bezeichneten Bevölkerung der Batwa in Ruanda dazu bei, die soziale, politische und wirtschaftliche Integration der marginalisierten Gruppe in die ruandische Gesellschaft zu ermöglichen. Lemonaid und ChariTea e.V. unterstützt AIMPO seit August 2019 finanziell bei der Umsetzung ihres aktuellen Projektes – dem Aufbau einer Keramikkooperative für die indigene Bevölkerung Ruandas, der Batwa, in Bugasera.

Indigene Bevölkerung Ruandas – Marginalisierung durch rechtliche Dilemma

In Ruanda sind die meisten Menschen noch immer in der Landwirtschaft tätig. Rund 75 Prozent der Ruander*innen beziehen ihr Einkommen über diesen Sektor – und das, obwohl wirtschaftlich nutzbare Fläche in dem kleinen Land mittlerweile ein knappes Gut geworden ist (ein Projekt, das sich in der Landwirtschaft Ruandas engagiert ist UNM, weitere Infos findet ihr hier). Die marginalisierte Bevölkerungsgruppe der Batwa, auch Twa genannt, hat durch vermehrte Abholzung, gewalttätige Konflikte und den Naturschutz bereits in den späten 80er Jahren ihren Lebensraum in den äquatorialen Waldregionen Ruandas vollständig verloren. Besonders der in der Gesellschaft und internationalen Gemeinschaft stark befürwortete Schutz der Gorillas hat zur Aberkennung des Landbesitzes der indigenen Bevölkerung Ruandas geführt.

Landwirtschaftliche Tätigkeiten bergen daher keine Einkommensoption mehr für sie. Der Verlust des Wohnraums ging somit mit dem Verlust des Lebensunterhaltes einher. Viele Twa sind aus diesem Grund auf die traditionsreiche Keramikproduktion ausgewichen, doch es fehlt ihnen an Bildung (50 Prozent der Erwachsenen waren nie in der Schule) und lebensnotwendigen Gütern, um mit anderen Ruander*innen wirtschaftlich zu konkurrieren oder überhaupt an der Wirtschaft teilzuhaben. 

Die Batwa wurden in Ruanda lange Zeit als ethnische Minderheit, neben den Tutsi und Hutu anerkannt. Nach dem Genozid 1994 verabschiedete die ruandische Regierung in 2001 jedoch ein Gesetz zur Bekämpfung und Bestrafung des Verbrechens der Diskriminierung und des Sektierertums, welches unter anderem eine Unterscheidung und Benennung von Ethnien in Ruanda verbietet. Im Umkehrschluss heißt dies, dass die 25-30.000 Batwa nicht mehr als indigene Bevölkerung Ruandas anerkannt und somit auch den ihnen zustehenden rechtlichen Schutz (unter anderem auch den Schutz ihres Landes) nicht genießen, sondern mit vielen anderen Gruppierungen unter dem Begriff Historically Marginalized People (HMP) zusammengefasst werden. Wer genau unter diese Bezeichnung fällt, ist bis heute unklar und die soziale, politische und wirtschaftliche Diskriminierung der Twa hält durch fehlende Bildungsmöglichkeiten, geringe politische Repräsentanz und eine hohe Arbeitslosigkeit an. Batwa sind in der Gesellschaft noch immer sektorübergreifend marginalisiert.

Inklusion durch Weiterbildung

AIMPO versucht an dieser Problematik anzusetzen und bietet der Batwa Population, besonders in den Nord- und Ostprovinzen Ruandas, durch Bildungsprojekte, Advocacy-Arbeit, Seminare und Empowerment eine Plattform, um sich weiterzubilden, über eigene Rechte zu informieren und sich und ihre Kultur auszudrücken. Durch innovative Lösungen sollen lokale Herausforderungen beseitigt und die Bevölkerung der Twa somit besser integriert werden. Die übergeordneten Ziele der Organisation sind die Stärkung der individuellen und kollektiven Rechte der HMP, die Unterstützung beim Aufbau einer nachhaltigen Entwicklungsstruktur in den Batwa-Communities und die Sicherung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Inklusion der Twa in die ruandische Gesellschaft.
Die konkreten Maßnahmen sind auf die Entwicklungen nachhaltiger Lebensgrundlagen und die Fähigkeiten und Potenziale der Communities ausgerichtet. Inklusion auf dem Arbeitsmarkt wird dabei, aufgrund der steigenden Armut der Batwa, immer wichtiger. Doch besonders in der Keramikproduktion, die bei den Batwa eine der Haupteinnahmequellen darstellt, fehlt es an Know-how zur modernen Produktion und geschickten Vermarktung der Produkte.

Kooperative für mehr Selbstständigkeit

Das neue Projekt der NGO setzt an diesem Problem an und versucht die hohe Arbeitslosigkeit der Batwa Gemeinde in der Region Bugasera durch gezielte Trainings zu verringern. AIMPO hat sich das Ziel gesetzt eine Keramikkooperative aufzubauen und den Twa zu ermöglichen Keramikware modern zu produzieren und somit auf dem nationalen und internationalen Markt konkurrenzfähig zu machen. Auf diese Weise wird den Twa nicht nur die Möglichkeit zu selbstständigem Verdienst des Lebensunterhaltes, sowie dem Eintritt in die Geschäftsfähigkeit geboten, sondern auch die traditionelle Keramikproduktion der Batwa modernisiert.

Dafür soll ein Keramiktrainingszentrum aufgebaut und die Ausbildung von zehn Twas aus unterschiedlichen Gemeinden in moderner Keramikproduktion als Trainer for Trainers ermöglicht werden – das bedeutet, dass zehn Twas, die bereits im Keramikgeschäft tätig sind, darin geschult werden, wie sie andere in moderner Keramikproduktion ausbilden können. Trainer for Trainers meint dementsprechend, dass Personen, die bereits im Beruf tätig sind, eine Weiterbildung erfahren, um andere in ihrem Fachbereich ausbilden zu können.
So kann das vermittelte Wissen von den zehn Trainer*innen an ihre Gemeinden weitergegeben werden, um mehr Berufsmöglichkeiten zu schaffen und die Arbeitslosigkeit so zu verringern.

Mittels weiterer Trainings in Social Media Marketing, betriebswirtschaftlichen Kenntnissen und Networking wird es 30 Batwas ermöglicht im Keramiksektor Fuß zu fassen und ihre Produkte gewinnbringend zu verkaufen. Insgesamt werden so 184 Familien aus zwei verschiedenen Regionen des Distriktes Bugasera, Nyamata und Musenyi, von diesem Projekt profitieren können. Des Weiteren möchte AIMPO Kampagnen starten, um die Ware in der ruandischen Bevölkerung bekannter zu machen und sie zum Kaufen anzuregen. Dabei wird die „Made in Rwanda“Kampagne der Regierung als Stütze dienen, da sie ruandische Produktion befürwortet und zu Einkommensgenerierung außerhalb des Agrarsektors aufruft.

Transformation durch Innovation

Strukturaufbau, Bildung und besonders Berufsbildung sind fast 30 Jahre nach dem Genozid in Ruanda sehr wichtig. Das Projekt orientiert sich an der Nationalen Strategie für Transformation und setzt auf innovative Lösungen für die lokalen Gegebenheiten und die Förderung der ruandischen Wirtschaft.

Der Lemonaid und ChariTea e.V. unterstützt AIMPO speziell bei der Finanzierung des Keramikzentrums, sowie eines neuen Brennofens und der Trainings für die Batwa Gemeinden.

In langfristiger Hinsicht wird das Projekt zur verbesserten sozialen Integration der Batwa in die ruandische Gesellschaft, sowie einer Verringerung der Arbeitslosigkeit beitragen. Durch den Fokus auf Produktion entsteht eine Diversifizierung der Arbeitsmöglichkeiten in Ruanda, da, neben der Landwirtschaft, eine neue Art der Einkommensgenerierung geschaffen wird. Die indigene Bevölkerung Ruandas wird durch das Projekt besser in die Gesellschaft integriert und kann durch geregeltes Einkommen für sozialen, wirtschaftlichen und politischen Aufstieg sorgen.