Seit 2014 ist die Schule „Escuela Agroecológica San Juan de Regina Marecos“ (Ökologische Landwirtschaftsschule), die rund 130 Kilometer nördlich der paraguayischen Hauptstadt Asunción liegt, Projektpartner des Lemonaid & ChariTea e.V.  Rund 500 Bäuer*innenfamilien besiedeln in San Juan de Mena nach jahrelangen Verhandlungen ein Stück eigenes Land und betreiben seitdem dort erfolgreich ökologische Landwirtschaft und setzten ein Zeichen gegen den wachsenden Agroexport und der Monokulturen im Land. In 2019 haben wir eine neue Projektförderung mit der Schule begonnen, die vor allem von Schüler*innen der Gemeinde besucht wird. Grundlagen der ökologischen Landwirtschaft und der Betriebswirtschaftslehre sind wichtige Bestandteile der Ausbildung. Einen filmischen Eindruck zum Projekt findet ihr hier.

Landwirtschaft in Paraguay

Das kleine südamerikanische Binnenland steht vor vielen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Durch die ungleiche Besitzverteilung von fruchtbarem Land, dass zu mindestens 66% für die Export-Landwirtschaft genutzt wird, stehen besonders Familien und Gemeinden im ländlichen Raum vor Herausforderungen wie Nahrungsmittelknappheit und einem unsicheren Einkommen. Einen Gegenentwurf zu Abhängigkeit und Abwanderung in die Hauptstadt hat die paraguayischen Nichtregierungsorganisation „Centro de Capacitación y Desarrollo Agrícola“ (CCDA- Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung) in Zusammenarbeit mit der ProParaguay Initiative (PPI) aus Kempen am Niederrhein entworfen. Gemeinsam haben sie in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung 1995 eine Schule für ökologische Landwirtschaft gegründet.  

Die Schule entstand aus dem Wunsch der lokalen Bevölkerung heraus, Alternativen zum herkömmlichen Agroexport zu finden. Viele Kleinbäuer*innen wurden im Zuge des Agrobooms enteignet und zunehmend unter Druck gesetzt. Um diesen Entwicklungen entgegen zu wirken, ist die Förderung kleinbäuerlichen Strukturen in Paraguay eine besonders wichtige Aufgabe. Deshalb erwerben Schüler*innen an der Schule, neben den Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft, wichtiges Wissen und Handwerkszeug um selbstorganisiert für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu können und die Biodiversität ihrer Region zu erhalten.

Förderung von kleinbäuerlichen Strukturen 

Die ökologische Landwirtschaftsschule San Juan ist für die Gemeinschaft sowohl Ausbildungsstätte als auch ein Ort der Bewahrung ihrer Kultur und der gelebten Gleichberechtigung. Sie trägt dazu bei, dass die Traditionen der Kleinbäuer*innen durch die Schüler*innen weiterhin gelebt werden und dass soziale und kulturelle Leben der kleinen Gemeinde zu stärken. Neben der Grundausbildung in ökologischer Landwirtschaft werden an der Schule viele praktische Einheiten vermittelt.

Praktische Arbeit auf den schuleigenen Feldern
© Kevin McAlvany 2016

An einem typischen Schultag verbringen die Schüler*innen den Vormittag im Klassenzimmer und lernen die theoretischen Grundlagen von ökologischer Landwirtschaft von Saatgutanzucht bis über Tierhaltung und Pflege. Das bedeutet dass sie lernen welche Sorten gut zusammenwachsen wie der Kaffee und die Bananenstaude, wie sie die Aussaat planen oder wie sie einen biologischen Dünger selbst ansetzten können. Am Nachmittag haben die aktuell 75 Schüler*innen die Möglichkeit ihr Wissen in den Gärten und Feldern der Schule in die Praxis um zusetzten. Sie legen eigenständig Beete an, die sie auch bewirtschaften, und versorgen die Tiere der Schule. So festigen die Schüler*innen ihr Wissen und produzieren den Großteil der Lebensmittel, die in der schuleigenen Mensa auf den Tisch kommen, selbst. Den Prozess vom Samen bis zum fertigen Gemüse auf dem Teller zu begleiten schärft den ganzheitlichen Blick und – das ist besonders wichtig – sie gewinnen selbstbewusst ihre Ernährungssouveränität zurück. Seit der Gründung haben inzwischen 198 Schüler*innen das „Landwirtschaftlich-Technologische Abitur“ gemacht.

In den Klassenräumen © Kevin McAlvany 2016

Ökologische Landwirtschaft & Solidarität für eine gemeinsame Zukunft

Die mit den Jahren gewonnene Erfahrung der Schule zeigt Erfolge: Einige Absolvent*innen sind inzwischen als Lehrkräfte in der Schule angestellt, ein anderer Absolvent ist Leiter einer lokalen Kooperative geworden. Außerdem konnte mit Hilfe der PPI eine Verarbeitungsanlage für Bio-Zucker aufgebaut werden. Die Erzeugnisse von den Feldern und der Gärten kommen zuerst der Schule und den Schüler*innen zu Gute. Durch den Verkauf der Überproduktion, die stetig gesteigert wird, ist die Schule finanziell gestärkt und trägt so auch zu ihrem Weiterbestehen bei.

Durch die politische Situation im Land steht die progressive Schule immer wieder vor Herausforderungen. Die Gehälter der Lehrkräfte werden vom Staat nur unregelmäßig gezahlt und fordert von den Lehrer*innen ein hohes Maß an Hartnäckigkeit. Mutig und zuversichtlich meistern sie diese Situation jedes Mal aufs Neue. Auch wenn das bedeutet, dass manchmal Lehrer*innen die Schule verlassen um Jobs in der Stadt mit einem festen Gehalt aufzunehmen. Deshalb unterstützt der Lemonaid & ChariTea e.V. die Schule seit 2014, besonders bei dem Aufbau der Infrastruktur und zunächst auch bei der Zahlung der Gehälter der Lehrkräfte.

Um den Staat nicht aus seiner Verantwortung zu nehmen werden diese Gehaltsausfälle seit einiger Zeit nicht mehr übernommen. Der Versuch ist es jetzt die Position der Lehrer*innen gegenüber dem Staat zu unterstützen damit diese für die Zahlung ihrer Gehälter einstehen können. Heute, im Jahr 2019, agiert die Schule in weiten Teilen unabhängig von der CCDA und PPI. Die aktuelle Förderung geht in die Anschaffung von Lehrmaterialien, weitere Lebensmittel für die Schulkantine, landwirtschaftliche Werkzeuge und Infrastrukturkosten.

Die ökologische Landwirtschaft und der Erhalt der Schule leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Lebensgrundlagen der Kleinbäuer*innen im ländlichen Paraguay. Die Schüler*innen werden befähigt ihre eigene wirtschaftliche und soziale Situation und damit auch die ihrer Familien zu verbessern.