Das Poverty Stoplight ist eine Methode, entwickelt von der NGO „Fundación Paraguaya“ aus Paraguay. Die Farben der Ampel – Rot, Gelb, Grün – zeigen anhand von 50 Indikatoren, dass Armut in verschiedenen Aspekten und in verschiedenen Ausprägungen definiert werden kann. Diese Methodik hilft Menschen und ganzen Familien dabei die unterschiedlichen Dimensionen zu identifizieren, die Armut verursachen und diese Schritt für Schritt zu überwinden.

 

Die Projektreise-Zyklen des Lemonaid & ChariTea e.V. beginnen aufgrund der Erntezeiten in den verschiedenen Ländern im Herbst und ziehen sich bis in das neue Jahr hinein. Folglich haben auch im Oktober 2018 die Projektbegeisterten der Lemonaid & ChariTea-Familie wieder ihre Koffer gepackt. Gemeinsam mit unserer Projektkoordinatorin Hanna ging die Reise zunächst nach Paraguay.

Einen Tag lang waren wir mit der Fundación Paraguaya unterwegs und haben eine andere Art der Armutsbekämpfung kennengelernt.

 

 

Armut ist nicht gleich Armut

Schon im Januar haben wir euch das gemeinsame Programm zur Inklusion und Wiedereingliederung von Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen vorgestellt. Das Besondere gleich vorweg: Mit dem Poverty Stoplight bekämpft jede*r seine oder ihre Armut selbst. Und das macht vor allem aus einem Grunde Sinn: Armut ist nicht gleich Armut und das hat die Organisation nicht nur in ihrem oft genutzten Zitat aus Tolstois „Anna Karenina“ verinnerlicht:

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

Für die Fundación Paraguaya ist Armut multidimensional. Das bedeutet: Armut kann in ganz unterschiedlichen Bereichen des Lebens vorkommen. Bin ich krankenversichert? Wohne ich in einem Haus? Habe ich fließend Wasser? Oder ein geregeltes Einkommen? Können meine Kinder die Schule besuchen? Kann ich selbst Lesen und Schreiben oder habe eine Ausbildung? Und vieles mehr.

Fehlt schon einer dieser Aspekte sprechen wir zurecht von Armut. Genauso manifestiert sie sich in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt und in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Und die sind so komplex und vielfältig, dass sie nicht unbedingt einfach zu begreifen, geschweige denn einfach zu verändern sind.

 

 

Rot, Gelb, Grün – einfach, effizient, effektiv

Die Fundación Paraguaya hat sich bei ihrem Projekt, welches an ein Ampelsystem angelehnt ist, an sechs Dimensionen orientiert. Diese sechs Dimensionen umfassen insgesamt 50 Indikatoren, an denen einzelne Personen oder Familien die Aspekte herausarbeiten, die ihre Form von Armut definieren. Mit den Farben Rot, Gelb und Grün findet nun jede*r heraus, welchen Status der Indikator für sie oder ihn besitzt.

Der Indikator zur Wasserversorgung funktioniert beispielsweise wie folgt:

 

Hat eine Familie Zugang zu fließendem Wasser, z.B. in Form eines Wasserhahns im Haus, bekommt der Indikator die Bewertung Grün. Fließendes und sauberes Wasser ist also vorhanden. Ist der Zugang zu Wasser für die Familie zum Beispiel nur in Form eines Brunnens vorhanden, ist die Bewertung Gelb. Gelb bedeutet in diesem Fall, dass die Wasserversorgung zumindest zeitweise, aber nicht dauerhaft; sichergestellt ist. Bezieht die Familie das Wasser nur aus einem Fluss oder Bach, der sich möglicherweise auch noch in weiter Entfernung befindet, ist die Wasserversorgung nicht ausreichend sichergestellt. Dieser Indikator wird also mit Rot bewertet.

 

In dieser Art können Teilnehmer*innen nun alle 50 Indikatoren bewerten. Die Visualisierung ihrer Lebensumstände, macht es für viele Menschen einfacher, herauszufinden, wo die gravierendsten Probleme liegen und was es als Erstes zu verändern gilt. Meist gibt es sogar einige Gemeinsamkeiten bei mehreren Familien im Ort oder der Gemeinde, sodass Probleme kollektiv angegangen und eliminiert werden können.

 

 

Nicht nur Einzelpersonen profitieren

Außendienstarbeiter*innen und Ehrenamtliche der Fundación Paraguaya helfen den Teilnehmer*innen beim Ausfüllen des Poverty Stoplights und bei der Bewertung der Indikatoren. Gemeinsam mit den Familien identifizieren sie die Missstände und planen gemeinsam Zeitraum und Art der Verbesserungen. Diese Mitarbeiter*innen sind im Programm und in der Umsetzung von Maßnahmen geschult. Sie sind vor Ort, um Unterstützung zu leisten.Auch für andere gemeinnützige Organisationen ist das Poverty Stoplight nicht unerheblich. Mit der Implementierung gelingt es ihnen Missstände realistisch zu dokumentieren, während sie gleichzeitig helfen dagegen anzukämpfen. Darüber hinaus sind diese Lücken georeferenziert erschließbar und können für jeden Indikator genutzt werden. Mittlerweile ist das Poverty Stoplight sogar als App verfügbar. Neben der gedruckten Version, wird also vieles gleich digitalisiert.

 

 

Veränderungen sichtbar machen

Die Zusammenarbeit des Lemonaid & ChariTea e.V. mit der Fundación Paraguaya ist auf vielen Ebenen interessant. Prinzipien und Ideen wie das Poverty Stoplight, machen die Projektarbeit mit unseren Partnern so spannend und lehrreich für uns.

Das Poverty Stoplight hilft nicht nur Armut zu identifizieren und zu überwinden. Es macht Menschen, die meist nur als hilfsbedürftige und zu bemitleidende Objekte angesehen werden, zu selbstbestimmten Akteuren. So ist jede*r mit dem richtigen Werkzeug und den geeigneten Maßnahmen dazu befähigt, im eigenen Leben, im eigenen Umfeld, die Armut hinter sich zu lassen.

 

Weltweit haben bereits 58.000 Menschen das Poverty Stoplight ausgefüllt. 6.000 Familien in Paraguay haben es geschafft, alle 50 Indikatoren von gelb oder rot in grün umzuwandeln. 30.000 Familien in Paraguay haben Armut in Form von Einkommensgenerierung überwunden. Und das soll so weitergehen.