Wir wollen unsere Plattform nutzen, um weniger über uns zu sprechen, sondern vielmehr unsere Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung zu zeigen. Die öffentliche Ermordung von George Floyd am 25. Mai durch die weiße Polizeigewalt löste Massenbewegungen und Proteste aus. Die vergangenen Wochen haben als Katalysator für eine dringende Aufarbeitung des Erbes der kolonialen und imperialen Geschichte gewirkt. Aktivist*innen der Zivilgesellschaft verstärken nun ihre Forderungen, den systemischen Rassismus, der ein Erbe der kolonialen und imperialen Geschichte ist, auszupacken, aufzudecken und ihm entgegenzutreten. Im Rahmen unserer Arbeit setzten wir uns für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ein und müssen uns in diesem Zuge die Frage stellen „How much do Black lives matter – in der globalen Entwicklungszusammenarbeit“?

Wir glauben, dass struktureller Rassismus den Fortschritt der globalen Entwicklung blockiert. Das bedeutet, dass wir diese Frage stellen müssen: Was hat Kolonialisierung mit unserer Arbeit zu tun?

Unser Reichtum basiert auf der Ausbeutung der Länder des globalen Südens.

Ganz einfach: zum einen gilt es, sich der historischen Dimension der von den europäischen Ländern verübten Verbrechen zu stellen, weil unser Reichtum auf der Ausbeutung von Ländern des Globalen Südens basiert- sowohl zu Kolonialzeiten, als auch heute. Aufgrund der gewachsenen kolonialen Strukturen haben westliche Länder immer noch einen vereinfachten und billigen Zugang zu Rohstoffen in den ehemaligen kolonialisierten Ländern. Darüber hinaus dauert die Ausbeutung der lokalen Bevölkerung, in Form von unfairen Handelsabkommen und Unternehmen, die unmenschliche Arbeitsbedingungen dulden, bis heute an. Die Sklaverei wurde nie wirklich beendet: zurzeit gibt es mehr Sklav*innen, als zu Zeiten des legalen Sklav*innenhandels. 40,3 Millionen Menschen lebten 2016 in Formen moderner Sklaverei.

Wer Entwicklungszusammenarbeit sagt, muss auch Kolonialisierung sagen.

Und zum anderen sind viele der Probleme, mit denen wir in unserer täglichen Arbeit konfrontiert sind, direkte Auswirkungen der Kolonialisierung. Indigene Völker wurden in vielen Teilen der Erde durch europäische Kolonialmächte nahezu ausgerottet, ihre Kulturen und Sprachen werden bis heute unterdrückt und ihre Landrechte nicht anerkannt. Gut ersichtlich ist das zum Beispiel in unserem Projektland Paraguay, in dem die indigene Bevölkerung um ihr Land kämpft, das zugunsten von landwirtschaftlichen Großkonzernen enteignet wird. Auch die willkürlich gezogenen Grenzen in afrikanischen Ländern haben bis heute Bestand und sind, gemeinsam mit durch die Kolonialmächte etablierten gesellschaftlichen Hierarchievorstellungen, Gründe für Bürger*innenkriege in Ländern des Globalen Südens. Der Genozid in unserem Projektland Ruanda ist ein bekanntes Beispiel dafür.

Strukturelle Rassismus wird auch sichtbar, wenn man sich die Zahlen ansieht. Beispielsweise gehen nur 2% der internationalen humanitären Hilfe an nationale oder lokale Organisationen. Diese Organisationen haben ihren Sitz in den Ländern und sind Organisationen die am besten über die Kontexte Bescheid wissen, in denen sie tätig sind.

Eine kritische Reflexion der historisch gewachsenen Machtstrukturen zwischen Globalen Norden und Süden ist deswegen eine zwingende Voraussetzung dafür, diese Strukturen in der Entwicklungszusammenarbeit nicht zu reproduzieren.

In unserer Arbeit im Verein versuchen wir in jedem Schritt, machtkritisch zu sein. Das bedeutet, dass wir bestehende Strukturen, Denk- und Handlungsweisen, sowohl in der Entwicklungszusammenarbeit als auch in unserem Büro, nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern kritisch hinterfragen. Wir wollen aktiv zu einer Welt beitragen, in der jeder Mensch unabhängige, selbstbestimmte und nachhaltige Lebensgrundlagen hat.

Hier konnten wir viel lernen – und lernen immer noch – von Organisationen, die aktiv versuchen, die Wahrnehmung der Entwicklungszusammenarbeit zu verändern und strukturellen Rassismus im Inneren abzubauen.

Wenn Ihr mehr lernen wollt, schaut euch folgende Ressourcen an:

Bücher:

Hasters, Alice (2019): Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten

El- Tayeb, Fatima (2016): Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft

Ogette, Tupoka (2018): exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen

Sow, Noah (2008): Deutschland Schwarz weiß: der alltägliche Rassismus

Tate, Greg (2003): Everything But the Burden. What White People Are Taking from Black Culture

Online:

Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V. (BER) (2010): Von Trommeln und Helfern. Checklisten zur Vermeidung von Rassismen in der entwicklungspolitischen Öffentlichkeitsarbeit.

Bildungsstätte Anne Frank (n.a.): Deutscher Kolonialismus – ein vergessenes Erbe? Postkolonialität in der rassismuskritischen Bildungsarbeit.

Bundeszentrale für politische Bildung (2010): Sprache und Macht.

Bundeszentrale für politische Bildung (2015): Entwicklungszusammenarbeit.

Ethical Storytelling.

Glokal e.V. (2013): Mit kolonialen Grüßen. Berichte von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet.

Glokal e.V. (2017): Die Spitze des Eisbergs. Spendenwerbung der internationalen Hilfsorganisationen – Kritik und Alternativen.

ZEIT Lernplattform (2012): Europäischer Kolonialismus.

Instagram:

@a_aischa: Arpana Aischa beschäftigt sich mit intersektionalem Feminismus mit dem Fokus Rassismuskritik und Empowerment. Gemeinsam mit @yugodeinesvertrauens gibt sie seit 2015 Workshops zu rassismuskritischem Denken und Allyship.

@bsannefrank: Die Bildungsstätte Anne Frank ist ein in Frankfurt und Kassel ansässiges Bildungszentrum, das ein umfassendes pädagogisches Programm zu historischen und aktuellen Themen wie Rechtsextremismus, Antisemitismus und Zivilcourage anbietet.

@ffabae: Fabienne Sand ist Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikationswissenschaftlerin und schreibt freiberuflich für verschiedene Medien, u.a. ZEIT.de und Vogue. Ihr Instagram dreht sich um Kolonialismus, Blackfacing, Eurozentrismus und White Saviorism.

@nowhitesaviors: Das ugandische Kollektiv No White Saviors kritisiert den Entwicklungs- und Humanitäre Hilfe Sektor aus einer antirassistischen Perspektive und macht Bildungsarbeit für die Themen afrikanische Geschichte, Kolonialisierung, Kultur und Identität.

@officialronny1: Ronya Othmann ist Journalistin und Schriftstellerin, für ihre Arbeit wurde sie u.a. mit dem Ingeborg- Bachmann- Preis ausgezeichnet. Ihre Themen sind u.a. der Nahe Osten, insbesondere Kurdistan, und Identitätspolitik.

@yugodeinesvertrauens: Maja Bogojević studiert Human Rights und beschäftigt sich aktivistisch mit den Themen Rassismus, Klassismus, Diaspora und Queerfeminismus.

Fotocredit: Jodi Windvogel 2020